Noémi Kiss
„Dürre Engel“

Roman
296 Seiten
Europa Verlag
22,- Euro

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Frausein in Ungarn
Drei Frauen saßen im Donauschwäbischen Zentralmuseum auf der Bühne, als es um eine ungarische Ehe am Ende der kommunistischen Ära ging. Noemi Kiss stellte ihren neuen Roman „Dürre Engel“ vor, Angelika Mahr moderierte die angeregte Diskussion und Ulrike Schulz übernahm den Part der Lesung. Das Buch, zugleich in einer sehr poetischen Sprache und doch so direkt und ungeschminkt geschrieben, zeigt wie eine Ehe aufgrund von Kinderlosigkeit vor die Hunde geht. Was mit einer großen Liebe begann, endet in Streit und Gewalt bis hin zum Mord im Affekt, den die Protagonistin begeht . Das hoch interessante Gesprächauf der Bühne entwickelte sich angeregt zu einer grundsätzlichen Diskussion über die Rolle der Frau in der ungarischen Gesellschaft, mehr noch, welchen Druck eine Partnerschaft durch gesellschaftliche Erwartungen auszuhalten hat.





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Leipzig ist eine Buchmesse wert
Auch wenn die Medien und das Netz in der Nachmesseberichterstattung fast nur vom Schneechaos und dem Wintereinbruch berichteten oder sich auf die unsäglichen Rechts-Links-Debatten einließen, war die Messe doch wieder ein Ort des geistigen Austausches und auch visionärer Perspektiven für die Zukunft. Navid Kermani diskutierte mit dem ungarischen Autor Mircea Cărtărescu über die Ränder Europas und der Menschen, die dort leben. Überhaupt war Europa das große Thema, denn es war die einhellige Meinung aller politischen Podien, dass nur ein starkes und geeintes Europa die Mitgliedstaaten sicher durch die Wirrnisse des 21. Jahrhunderts lenken könne. Spannend, das Gespräch zwischen dem polnischen Kurator der Documenta 2017 Adam Szymczyk mit der konservativen Politikwissenschaftlerin Aleksandra Rybinska aus seinem Heimatland zu erleben, die konstruktiv über die derzeitigen Verhältnisse in Polen stritten. Der junge Zeitjournalist Mohamed Amjahid moderierte die Diskussionsrunden zum Thema Europa21 rhetorisch und sprachlich brillant und zeigte sich bestens informiert über die europäischen Verhältnisse.
Selbstverständlich konnte man während der Messe und dann natürlich abends, bis weit in die Nacht hinein, an vielen Orten und Bühnen der Stadt unter dem Motto „Leipzig liest“ Autoren mit ihren neuen Büchern live erleben. Die Nähe zu den Schriftstellern und zur Literatur macht die Stärke dieser Messe aus. Und wie meinte ein Moderator des „Blauen Sofas“, „bei dem Andrang muss man sich doch um das Lesen keine Sorgen machen“.
Wir warteten am Donnerstag gespannt auf die Preisverleihung der Leipziger Buchpreise. Und wir stellten stolz fest, dass die Preisträgerin für Belletristik, Esther Kinsky und der Sachbuchpreisträger Karl Schlögel schon in der Vergangenheit bei uns aus ihren Büchern gelesen haben. Der Autor Serhij Zhadan, dessen neuer hervorragender Roman „Internat“ den Übersetzerpreis erhielt, sollte im Ulmer Donauschwäbischen Zentralmuseum eine Woche später unser Gast sein. Was für eine schöne Bestätigung unserer buchhändlerischen Arbeit.
Man kann es nicht oft genug wiederholen, die Leipziger Buchmesse zu besuchen ist lohnend für jeden Besucher, der feststellen möchte, wie nah die Bücher noch immer am gesellschaftspolitischen Diskurs sind - und für Leseratten sowieso.
Thomas Mahr